Hoffnung

Ich habe früher als freiwillige Helferin in einem Krankenhaus in der Nähe gearbeitet. Anfangs war ich in der Kinderabteilung tätig, später ergab es sich, dass ich immer häufiger auf der Langzeitpflege-Station im dritten Stock des Krankenhauses gebraucht wurde. Zu sehen, wie sowohl junge als auch alte Menschen an schweren Krankheiten litten, machte mir immer mehr bewusst, wie zerbrechlich das Leben ist.

Von den viereinhalb Jahren, die ich im Krankenhaus arbeitete, verbrachte ich drei auf der Langzeitpflege-Station. So konnte ich die Patienten dort gut kennenlernen.

Ein älterer Herr, zum Beispiel, brach sich im Alter von 70 Jahren bei einem Sturz die Hüfte. Weil sich seine Familie nicht rund um die Uhr um ihn kümmern konnte, musste er ins auf die Langzeitpflege-Station. Immer wenn er uns sah, war das erste was er sagte: „Nächste Woche gehe ich nach Hause.“ Sechs Monate verbrachte er dort bis er schließlich starb.

Eine junge Frau hatte mit Anfang dreißig einen Autounfall und war von da an ab der Hüfte gelähmt. Ihr Zimmer war voll mit Fotos von ihrer Familie und sie merkte sich immer alle Geburtstage – von den Schwestern, den Ärzten, ja, selbst von uns, den freiwilligen Helfern. Sie ist immer noch dort. Seit zwölf Jahren ist sie auf dieser Station und zählt die Tage.

Eines Tages wurde ich einer älteren Dame zugeteilt. Sie war eine ruhige Person, die nur selten etwas sagte. Dennoch sagten mir ihre Augen, dass sie sich über meine Anwesenheit freute. Ihr ganzer Stolz und ihre ganze Freude war ihr Enkel, der mit fünfundzwanzig Jahren Bürgermeister in der nächstgelegenen Stadt geworden war. Sein Foto war das einzige, das jemals ihr Zimmer zierte.

Die ältere Dame starb zwei Monate vor meinem Mittelschulabschluss. Seitdem war ich nicht mehr in dem Krankenhaus, doch ich denke immer wieder an die Patienten, die ich dort getroffen hatte. Was mir einen besonders tiefen Eindruck hinterlassen hat, ist die Hoffnungslosigkeit der Patienten in diesem dritten Stock. Sie wirkten oft so hoffnungslos, weil sie nicht gesund genug wurden, um zu ihren Familien nach Hause zurückkehren zu können.

Wenn Menschen schwer krank werden, verfallen sie meist in einen von zwei Gemütszuständen: Entweder hoffen sie auf eine Verbesserung ihres Gesundheitszustandes oder sie lassen sich von dem Gedanken erdrücken, dass nun der Anfang vom Ende gekommen sei. Wenn man ihnen in die Augen blickt, sieht man entweder einen Hoffnungsschimmer oder Leere. In den meisten Fällen habe ich nur Leere gesehen.

Erst später erkannte ich, dass die Patienten nicht allein deshalb hoffnungslos waren, weil sie sich nach ihren Familien sehnten. Es überfiel sie die ganze Hoffnungslosigkeit des Lebens. Für sie gab es nichts mehr, wofür es sich zu leben lohnte. Für sie gab es nichts mehr außer dem Krankenhaus.

Ich frage mich, ob je einer von ihnen an Gott gedacht hat.

Manchmal kann das Leben genauso lähmend sein wie das Eingesperrt sein in einem Krankenhauszimmer. Wir verbringen unser ganzes Leben damit „Mauern“ aufzubauen. Wir jagen unseren Träumen nach und streben nach Erfolg in dieser Welt. Doch manchmal werden genau diese Mauern, die wir für Schutzmauern halten, zu Wänden, die uns einschließen und hoffnungslos machen.

Was ist der Hoffnung wert? Haben wir jemals darüber nachgedacht, was hinter den Mauern dieser Welt liegt?

„Denn er ist unser Friede, der aus beiden eines gemacht hat und den Zaun abgebrochen hat, der dazwischen war.“ (Eph 2,14)

Aus seiner großen Liebe heraus sandte Gott seinen Sohn Jesus, damit durch seinen Tod die Mauer zwischen uns und Gott abgebrochen werden sollte.

„Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ (Joh 3,16)

Wenn wir unsere Hoffnung und unseren Glauben auf seine Verheißung von einer besseren Welt als der jetzigen setzen, werden wir Frieden finden – einen Frieden, der uns sowohl die Angst vor dem Tod als auch vor Leid in diesem Leben nimmt.

„Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? … Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.“ (Röm 8,35.38-39)

Wir wissen, dass wir im Schnitt nur 70 oder 80 Jahre alt werden. Warum können manche dem Lebensende trotzdem mutig entgegengehen? Sie können das, weil sie eine Hoffnung auf etwas Besseres haben; sie können das im Wissen darum, dass das Ende dieses Weges nur der Anfang eines neuen Weges ist –  eines Weges, auf dem man einen neuen Tag mit dem beginnen kann, der uns am meisten liebt.

… und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. (Offb 21,4)

Ich denke der ältere Herr wusste das – er hoffte auf etwas Besseres, er ging nach Hause.